Tag 42: Meine Trauer


Meine Trauer, 

du bist meine Weggefährtin geworden. Du hast dich leise angekündigt, dass du irgendwann zu mir kommen wirst, schon in den letzten Jahren, dieses Jahr hast du dich auf den Weg zu mir gemacht, am 10.7 um 11:03 warst du da, an einem Sommertag, der für mich keiner sein sollte. Ich nehme dich an, lasse dich in mein Leben. In mein neues Leben, denn seit dem Morgen ohne Wiederkehr ist mein bisheriges Leben zu Ende, dafür gehörst du jetzt zu mir. Du bist gekommen um zu bleiben, und ich heiße dich willkommen. 

Mal siehst du mich aus der Ferne an, manchmal setzt du dich zu mir, meistens wenn ich alleine bin. Dann umarmst du mich und legst deinen dunklen Schleier um mich. Manchmal ist deine Umarmung sehr stark. Dann atme ich schwer, spüre die Enge in der Brust. Ich bitte dich, drück mich nicht zu fest. Meistens aber meinst du es gut mit mir und lässt mich weinen. Du lässt mich schwach und hilfebedürftig sein für eine gewisse Zeit. Manchmal lässt du mich sogar im Traum weinen. Ich bin dir dankbar für diese Tränen, denn sie lindern meinen Schmerz für einen Moment. Ich weiß durch dich, warum Kinder weinen, wenn ihnen etwas wehtut. Du erlaubst mir für einen Moment, Kind zu sein - denn an deiner Seite gibt es keine Zwänge und Pflichten. Du sagst zu mir: "Was du machst ist gut für dich, deshalb ist es auch richtig." Du hast heilende Kraft, so erzählt man über dich.

Durch dich entsteht bei vielen Menschen Großartiges, Kunstwerke, Poesie, Musik. Was du bei mir bewirken wirst, vermag ich heute nicht zu sagen. Jedoch weiß ich: Du veränderst mich, so wie nichts zuvor, du kehrst mein Innerstes nach Außen. Du führst mich auf einen unbekannten Weg, der auf den ersten Metern steil und steinig ist und flankiert von dornigen Sträuchern. Ich muss diesen Weg gehen, denn es ist meiner, du bist meine Weggefährtin.

Der Weg führt nach oben auf einen mir unbekannten Berg, dort - so sagt man - ist die Aussicht besser, anstelle der Dornenbüsche stehen Blumen in vielen Farben, ist die Luft nicht drückend, sondern belebend. Und die Sonne ist näher und kräftiger. Bleib an meiner Seite, geh mit mir, umarme mich von Zeit zu Zeit, leg mir dann den Schleier um, wenn du es für richtig hältst. Ich glaube, dort wo wir hingehen, ist es schön - anders schön als bisher, aber schön.   


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