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Tag 224: Akzeptanz

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Es tut mir oft weh, das zu Sonja sagen zu müssen: "Unsere Situation ist Sch...., aber es ändert nichts daran, wenn wir uns das immer wieder selbst sagen. Wir können es nur akzeptieren und einen Fuß vor den anderen setzen, was wir jeden Tag wieder aufs Neue tun."  Natürlich geht eine zehnjährige anders mit so einer Situation um als ein Endvierziger. Natürlich ist es - meiner Meinung nach - etwas Anderes, viel Schwerwiegenderes, die Mutter in jungen Jahren zu verlieren, als die Ehefrau in mittleren Jahren. Ich hatte von Veronika alles, was ich bekommen konnte, und Sonja sitzt als absolutes "Highlight" gerade wenige Meter von mir entfernt und erledigt verantwortungsvoll und selbständig ihre Hausaufgaben. Ich bewundere meine Tochter dafür, dass sie trotz ihrer schweren Last im Großen und Ganzen ein ausgeglichenes Kind ist und keinerlei Schul- oder sonstige Probleme verursacht. Immer wieder sagt sie mir, sie kann es nicht akzeptieren, keine Mama mehr zu haben, sie kann d

Tag 214: Geburtstagsbrief

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Liebe Veronika, heute wäre (ist?) dein Geburtstag. Der erste, den wir nach mehr als einem Vierteljahrhundert nicht zusammen feiern. Ich erinnere mich noch an den ersten gemeinsamen 9.2, das war vor 26 Jahren. Damals fiel dein (25.) Geburtstag auf einen Sonntag und ich kam nach meinem Dienst im Kino zu dir. Du hattest gerade deine Magisterarbeit abgegeben und warst bei deinen Freunden in Belgien zu Besuch. Ich hatte dir ein Set mit zwei Teetassen aus Keramik geschenkt, weil ich schon wusste, dass du leidenschaftliche Teetrinkerin bist. Durch dich habe ich gelernt, gerne Tee zu trinken. Heute haben einige Leute hier angerufen, anlässlich deines Geburtstags, vor allem aber, um sich nach Sonja und mir zu erkundigen. Weißt du noch? Die letzten beiden großen Geburtstagsparties haben wir 2019 (in der alten Wohnung) und 2020 (im neuen Haus) gefeiert. Dann kam Covid und im Jahr 2022, als der Pandemie-Spuk weitgehend vorbei war, hattest du schon nicht mehr wirklich die Energie für ein großes Fes

Tag 207: Lichtmess und ein Haarschnitt

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Heute ist Lichtmess. Und ich war beim Friseur. Hängt das irgendwie zusammen? Eigentlich nicht, den Termin bekam ich zufällig. Aber ich erlaube mir mal, einen Zusammenhang herzustellen: Mariä Lichtmess ist genau 40 Tage nach Weihnachten und bedeutete traditionell das Ende der Weihnachtszeit. So haben wir heute im Haus auch die letzte Weihnachtsdeko entfernt. Auch weltlich hatte dieses Datum eine Bedeutung: Die Dienstmägde und Knechte bekamen ihren Lohn, wurden entlassen oder weiterbeschäftigt. Die landwirtschaftliche Arbeit verlagerte sich langsam nach draußen.  Auf meinem Kopf war fast 30 Wochen Wildwuchs ein Schnitt fällig. Ich erinnere daran, dass ich mir an Veronikas Todestag eine Glatze scheren lassen hatte. Ich hatte dies getan im Andenken an Veronikas zahlreiche Chemotherapien, deren sichtbarstes Zeichen oftmals ein Haarausfall und eine daraus resultierende "Chemoglatze" ist. Wer sich durch Blogs oder Instagramaccounts von Krebspatienten klickt, entdeckt oft, dass der e

Tag 204: Falsch abgebogen

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Veronikas viel zu früher tragischer Tod ist - wenn man der Statistik glaubt - eine Verkettung unglücklicher, bitterer Umstände. Im Alter von 51 ist das Mammakarzinom die häufigste Todesursache bei Frauen, wobei das Risiko, daran zu versterben in Veronikas Alter bei etwa einem halben Prozent liegt. (Quelle: Statista ). Ja,  ich wage heute mal einen laienhaften Ausflug in die Medizinstatistik, auch um zu zeigen, dass das Schicksal mit uns nicht gerade gnädig war. Wenn eine Patientin (oder ein Patient, ja, auch das gibt es) in relativ jungen Jahren die Diagnose Brustkrebs erhält, ist es erstmal ein Schock, das Vertrauen in das fehlerfreie Funktionieren des eigenen Körpers geht schlagartig verloren. Auf der anderen Seite: Man/Frau ist nicht allein: Langzeitüberlebende Patientinnen sind in den Medien, durch Bücher und Vorträge bekannt, als Vertreterin führe ich hier  Annette Rexrodt von Fircks  ins Feld, die seit 1998 mit dieser Krankheit lebt und allen Prognosen trotzt. Solche Bespiele mac

Tag 200: Veränderung

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200 Tage sind vergangen. Ich habe gerade das Gefühl, die Zeit rast. An Tag 100 waren wir drei im Ospizio Bernina. Das kommt mir vor, als sei es erst vor wenigen Tagen gewesen. Vor 200 Tagen standen Sonja und ich vor vollendeten Tatsachen, sie Halbwaise, ich Witwer. Jener 10. Juli kommt mir hingegen vor, als sei er eine Ewigkeit her.  Vielleicht liegt das unterschiedliche Zeitempfinden für diese zwei 100-Tages-Zeiträume daran, dass sich im ersten 100-Tages-Zeitraum mehr verändert hat, als im zweiten 100-Tages-Zeitraum. Es hat sich - naturgemäß - eine Menge in unserem Leben gewandelt: Vieles, was im Alltag von Veronika und mir gemeinsam "gestemmt" wurde, liegt nun auf meinen Schultern. Diese erweisen sich als stärker und tragfähiger, als ich es erwartet hätte. Meine Hausmannfähigkeiten verbessern sich langsam aber stetig: Das Haus versinkt nicht im Chaos, es gibt nicht jeden Tag Tiefkühlkost und unsere Hundedame kommt auf ihre Gassikosten. Sonja kommt mit den Anforderungen der

Tag 198: Gedanken - Sätze im Konjunktiv II

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Wie wäre es, wenn ich nach Hause kommen würde, und es wäre alles "wie früher"? Wie würde unser Leben aussehen, wenn es die ganze Krebssch.... nie gegeben hätte? Worum hätten wir uns vielleicht dann in den letzten Jahren Sorgen gemacht? Hätte man den Tumor doch früher erkennen können? Hätte eine frühere Diagnose am Ende irgendeinen Vorteil gehabt? Hätte es etwas gebracht, von vornherein eine stärkere Therapie als vorgesehen anzuwenden? Wäre es besser gewesen, die letzte angebotene Off-Label-Therapie doch noch mitzunehmen? Hätte es einen großen Unterschied bei der Lebenszeit gemacht, auf die quälenden Chemotherapien zu verzichten? Hätten wir doch irgendeine alternativmedizinische Methode ausprobieren sollen? Hätten Sonja und ich die letzten Tage im Juli 2023 doch in Göttingen bleiben sollen, anstatt an die Nordsee zu fahren? Hätten Veronika und ich uns noch irgendetwas zu sagen gehabt, als letzte Abschiedsworte? Hätte ich mich am 5.7.2023 noch einmal umdrehen sollen, bevor ich

Tag 188: Anpassung

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Es ist Mitte Januar. Das neue Jahr 2024 ist noch keine zwei Wochen alt. Ich persönlich mag den Januar nicht: Die süßlich-einlullende Gemütlichkeit der Weihnachtszeit ist passé, der Winter zeigt sich - so wie in diesen Tagen - von seiner unbequemen Seite: Die Tage sind (noch) kurz, die Temperaturen niedrig, die Luftfeuchtigkeit hoch, das blaue Band des erlösenden Frühlings flattert noch lange nicht am Horizont. Bitte nicht falsch verstehen: Ich mochte diese Jahreszeit noch nie. Als Philologe werfe ich gerne einen sprachwissenschaftlichen Blick auf Dinge, und so mache ich das mal für den laufenden Monat: Er heißt noch dem zweigesichtigen römischen Gott Ianus, der für den Anfang und das Ende zugleich steht, aber auch für alle Türen und Tore. Jetzt, nach dem Ende des Jahres 2023, merke ich täglich, dass nicht nur die Jahreszeit, sondern auch die Lebensphase irgendein Zwischending zwischen Anfang und Ende ist. Insbesondere Sonja wird es in diesen Tagen bewusst, dass ihre ungewollte neue Leb