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Tag 366: Annus Luctus

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Liebes Trauerjahr, während ich heute - an Veronikas Todestag - an dich schreibe, sitze ich an der Ostsee. Es regnet, die Luft weint Tränen ins graue Meer, das sich irgendwo in der Ferne unmerklich mit dem grauen Himmel vereint. Es ist fast windstill, der sanfte Hauch sagt aber: Es gibt eine Zeit nach dem Regen. Vor einem Jahr war ich an der Nordsee und musste überstürzt abreisen, weil es mit Veronika zu Ende ging. Heute darf ich bleiben. Du merkwürdiges, ungewohntes und langes Trauerjahr, jetzt bist du zu Ende. Ich habe dich nicht gewollt, Sonja sicher auch nicht. Aber Sonja und ich sind durch dich hindurchgegangen.  Obwohl ich dich nicht zu mir gebeten habe, möchte ich dir danken. Du hast mich etwas gelehrt, was viele nicht in meinem Alter lernen dürfen: das Weiterleben. Sich Widerständen zur Wehr zu setzen, volle Verwantwortung für Kind, Hund und Haus zu übernehmen und sich dabei zuzugestehen, nicht perfekt sein zu müssen. Wie ich finde, alles sehr wichtige Themen.  Es war keine leic

Tag 364: Westerland

Die Ärzte hatten lange an Veronikas Schmerzkonzept gearbeitet. Es beinhaltete während ihres Aufenthalts auf der Palliativstation auch die Gabe starker opioidhaltiger Medikamente. Diese haben starke Nebenwirkungen und führen zu Somnolenz. Sie war daher in den letzten Tagen kaum noch ansprechbar. Heute vor einem Jahr war ihr letzter vollständiger Tag auf diesem Planeten. Sonja und ich machten von Husum aus einen Tagesausflug nach Westerland auf Sylt, bei dem wir diverse Abenteuer mit der Deutschen Bahn erlebten. Ich habe Veronika am Spätnachmittag dieses Video gesendet, das unsere Hündin Isa am Hundestrand von Rantum zeigt. Sie fragte daraufhin per Signal: "Wauwi (so riefen wir Isa manchmal) und Sonja geht's gut, oder"? Ich antwortete ihr: "Wie war's mit Lena?" (Unsere Freundin Lena war die letzte, die bei ihr war). Mit diesen Sätzen verstummte unser Dialog. Ich wusste nicht, dass es das letzte war, was ich von ihr hören sollte. 

Tag 361: Wieder an die Ostsee

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Heute vor einem Jahr war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah. Sonja und ich besuchten Veronika zusammen auf der Palliativstation. Tags darauf fuhren wir nach Husum an die Nordsee. Ich hatte damals eine leise Ahnung, als ich mich verabschiedete, hatte aber die Worte der Ärzte im Ohr, die von einigen Wochen sprachen. Während ich das schreibe sitze ich - wieder mal - mit Sonja im Zug ans Meer, draußen fliegt gerade Northeim vorbei. Unser Ziel heißt Eckernförde, an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Wir hatten - im gleichen Hotel - einen Aufenthalt vom 12. Juli bis 18. Juli 2023 geplant. Gebucht hatten wir das schon im Herbst 2022, damals schien die Krankheit gerade gut unter Kontrolle. Am 30.6.2023 mussten wir diesen Aufenthalt schweren Herzens stornieren. Es sind Ereignisse irgendwo tief in der Vergangenheit, in meinem bzw. unserem "Leben 1.0".  Sonja wünschte sich, dass wir diese Reise nachholen, was wir seit heute tun. Wir werden bis zum 11.7 bleiben, somit verbrin

Tag 354: Ein Jahr alleinerziehend

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Vor einem Jahr hat Veronika unser Haus verlassen um nie zurückzukehren. Es war ursprünglich eine spezielle Behandlung ihrer Hautmetastasen geplant - ein seltener und nicht ganz unkomplizierter Eingriff. Die Liste der Nebenwirkungen liest sich alles andere als angenehm. Maan könnte sagen: Die Ärzte haben alles versucht, was in ihrer Macht stand, aber die Menschen sind gegen die Natur oft machtlos.   Und so kam es, dass Veronika - wohl aus einer gewissen Intuition heraus - mich am Vormittag des Folgetages anrief, sie habe auf den Eingriff verzichtet.  In gewisser Hinsicht hatte sie ihr diesseitiges Leben aufgegeben: Der Wunsch nach einer Unterbringung in einem Hospiz war immer deutlicher geworden. Mit Sicherheit wollte sie nicht, dass Sonja ihre Mutter in diesem Zustand sieht.  Und so endete an jenem 28. Juni mitten im Sommer 2023 unser Familienleben unwiederbringlich. Obwohl Veronika noch am Leben war, war ich von da an alleinerziehender Vater.

Tag 352: Anfang vom Ende

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Gerade verbringen Sonja und ich ein paar Tage in Brandenburg an der Havel, weil ich da schon immer mal hin wollte. Zudem sind seit Kurzem Sommerferien und ich wollte einfach mal raus. Es ist schön hier, und obwohl wir wegen des warmen Wetters nicht viel unternehmen, genieße ich die Auszeit von meiner 24/7-Einsatzbereitschaft, zumindest ruht die Hausmannaktivität, was schon mal eine deutliche Entlastung ist.. Heute vor vier Jahren war - streng genommen und medizinisch gesehen - der Anfang vom Ende: Veronika war zu einer Nachsorgeuntersuchung in der Uniklinik. Schon die Woche davor hatte sich eigenartigerweise sehr seltsam angefühlt. Umso unruhiger war ich an jenem Freitag: Es war gerade teilweise Schulschließung aufgrund der Covid-19-Pandemie und so war ich mit Sonja zu Hause und betreute sie beim Homeschooling. parallel dazu ging ich meiner Arbeit nach, als Freiberufler war ich ja immer im Homeoffice. So recht konnte ich mich nicht konzentrieren und ging angespannt und nervös im Wohnzi

Tag 347: Sommeranfang - Sommerferien

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Heute war der längste Tag im Jahr. Und damit ist wieder Sommer. Die Tage werden ab jetzt wieder kürzer, die Nächte, in denen es derzeit nie vollständig dunkel wird, werden bald wieder zu Nächten. Und es war der letzte Schultag, ab morgen sind bei uns in Niedersachsen Sommerferien. Sonja hat die fünfte Klasse sehr gut hinter sich gebracht, auf dem Zeugnis stehen nur Einser und Zweier. Das hätte ich unter den herrschenden Umständen von ihr weder verlangt noch erwartet. Damit habe ich das wackere Mädchen im Alleingang gut durch ein Schuljahr begleiten dürfen. Das muss jetzt noch fünfmal genauso oder ähnlich gut über die Bühne gehen, dann hat sie einen ersten Schulabschluss in der Tasche und darf entscheidende Weichen für ihr weiteres Leben stellen: Abitur oder Ausbildung? Erst Studium oder gleich Beruf?  Ich bin stolz auf sie, manchmal auch ein bisschen auf mich, dass es irgendwie gelingt, hier den Laden zu schmeißen. Sonja hat sich mit mir und zwei Freundinnen der Familie einen Shoppingb

Tag 336: Kindergeburtstag

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Am vergangenen Samstag habe ich meinen ersten Kindergeburtstag im Fast-Alleingang ausgerichtet. Sonja hatte lediglich die Aufgaben, ihre Gäste einzuladen und das Wohnzimmer zu dekorieren.  Sie war mit neun Freundinnen zuerst im Escape Room - dabei wird man eingesperrt und muss sich durch das Lösen von Aufgaben gewissermaßen befreien. Anschließend bin ich mit der Truppe per Bus zu uns gefahren, es gab eine Sahnetorte, die den Weight Watchers und Zahnärzten die Schweißperlen auf die Stirn treiben würde. Am Abend hat der fröhliche Trupp dann noch zwei Bleche Pizza verspeist. Unsere Freundin Elke hatte mit bei der Tortenproduktion sehr unter die Arme gegriffen - an dieser Stelle vielen lieben Dank. Gegen 19 Uhr war die Feier im Wesentlichen beendet. Eine Freundin blieb noch über Nacht. Gestern war das große Aufräumen angesagt.  Sonja und ihre Freundinnen hatten Spaß, das war mir am wichtigsten. Die Stimmung war schön, und das war irgendwie ansteckend. Zwei Mädchen haben sich glatt von mir