Tag null: Drei Anrufe


"Nehmen Sie sich Zeit mit Ihrer Tochter." - so ungefähr hatte mir Veronikas behandelnde Onkologin im Gespräch gesagt. Es war klar: Das Fortschreiten von Veronikas Erkrankung würde sich nicht mehr aufhalten lassen - dennoch gaben die Ärzte meiner Frau noch einige Wochen - und waren bereit, sie auf der Palliativstation gut zu versorgen und schmerzfrei zu halten . Das war - grob gesagt - der Inhalt des Arztgesprächs, das ich noch am 5.7 geführt hatte. Nach langem Hadern entschied ich mich mit meiner Tochter Sonja für eine siebentägige Auszeit in Husum an der Nordsee. Eine Auszeit, die ich schon im Oktober 2022 als Familienurlaub gebucht hatte. Vor einigen Wochen war klar, dass Veronika nicht mehr die Kraft aufbringen würde, mitzufahren. Meine Tochter wollte nicht die sein, die von den Kindern aus ihrer Schulklasse nicht in Urlaub fahren würde. So fuhren wir mit kleinem Gepäck, unserer Hündin und einem Rest Unsicherheit am 6.7 nach Husum. Der Zustand meiner Frau hatte sich auf niedrigem Niveau stabilisiert - und sie ermunterte Sonja und mich zu unserer Vater-Tochter-Time an der Nordsee. Ich hatte in den Tagen davor sehr mit mir gehadert: Konnte ich jetzt weg? Gute Freunde bestätigten Sonja und mich in unseren Plänen. 

Hätte ich dennoch nicht fahren sollen? Oder konnte man es so nicht ahnen?

Heute morgen um kurz vor neun Uhr sah ich gleich zweimal die Telefonnummer der Palliativstation auf dem Handydisplay. Das verhieß nichts Gutes und ich rief zurück, konnte gerade noch mit zittrigen Fingern die Rückruftaste drücken. Es war klar: Wir mussten uns auf den Weg machen, Veronikas Zustand hatte sich am Wochenende stark verschlechtert. Wie konnte das sein? Unsere Freundin Lena hatte micr doch gestern noch gesagt: "Deine Frau ist gut drauf". Sie hatte mir präzise Anweisungen zur Gartenpflege erteilt und ausrichten lassen. Das hatte mich zunächst beruhigt, irgendwie schien sie ganz meine Frau: Der Garten unseres Hauses war Veronika in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen.

Alles half nichts, die diensthabende Ärztin war sehr deutlich und klang sehr ernst. Ich habe noch nie in meinem Leben so schnell eine Ferienwohnung geräumt, Koffer gepackt, auf den Weg geschickt und Bahnfahrkarten gebucht. Nach einer Stunde waren Sonja und ich bereit zur Heimreise nach Göttingen.

Da klingelte ein weiteres Mal mein Handy, es war die Palliativstation. Veronika war tot. Sonja war Halbwaise und ich mit gerade einmal 47 Jahren Witwer. Das war am 10.7 um kurz nach elf.

Kommentare

  1. Ich Weiss nicht was ich sagen soll, mein aufrichtiges beileid. Doch stelle dein Handeln nicht in Frage, es hat so sein müssen und deine Frau wollte es so

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  2. Hallo Benjamin, hier schreibt ein anderer Witwer mit Kind.
    Ich weiß nicht, ob es tröstet und/oder ob es dir auch schon an anderer Stelle gesagt wurde: Die meisten Sterbenden können wohl dann gut gehen, wenn die Liebsten nicht anwesend sind.
    Mir wurde das mehrfach gesagt, ich habe es aber nicht übers Herz gebracht. Ich wiederum frage mich nun im Nachhinein also immer wieder, ob ich meiner Frau damit einen unnötigen Kampf (und der war wirklich schlimm) aufgebürdet habe… Vielleicht hilft dir diese Betrachtung des genau umgekehrten Falles. VG aus Recklinghausen, Uli

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  3. Hallo Benjamin, dein Text hat mich sehr berührt. Ich kann das bestätigen, sie ging in der Zeit eures Urlaubes, weil sie es so wollte. Ich habe meine Mama Jahre mit Hingabe und voller Liebe gepflegt und bis in den Tod begleitet. Naja fast. Ich war die ganze Zeit an ihrer Seite, stundenlang, tagelang und bin nur kurz raus gegangen, um meinen Sohn anzurufen und ihm gute Nacht Nacht zu wünschen. Als ich wieder kam, hat ihr Herz nicht mehr geschlagen. Ich konnte es nicht fassen, dass es passiert war und dann auch noch ausgerechnet in dem kurzen Moment, in dem ich draußen war. Viele Sterbebegleiter und Trauernde haben bestätigt; sie wollte es so.....

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