Tag 11: Die Zeit - rückwärts und nach vorne

Sonnenuntergang bei Norddeich

Seit Veronikas Tod sind jetzt elf Tage vergangen - zumindest sagt das der Kalender. Ich habe hingegen das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Ich muss im Kalender nachsehen, um zu wissen, welcher Wochentag ist. Zum einen liegt es sicher daran, dass jetzt Sommerferien sind und die Schule als Taktgeber fehlt, zum anderen habe ich meine berufliche Tätigkeit stark zurückgefahren, weshalb auch hier die typische Wochenroutine gerade "fehlt". Auf der anderen Seite - wenn ich zurückblicke - kommt es mir so vor, als sei Veronika erst gestern von uns gegangen. Vielleicht kann ich meine momentane Stimmungslage so beschreiben: Mein bisheriges Leben, in dem Veronika mein ruhender Pol und Lebensmittelpinkt war, ist unwiederbringlich vorbei. Das, was kommt - denn ich werde weiterleben müssen, schon allein Sonja zuliebe, hat noch nicht angefangen. 

Ich habe gestern gelesen, dass Trauernde die unterschiedlichsten Spontanreaktionen zeigen: Zwischen totaler Lethargie und totaler Rastlosigkeit ist so ziemlich alles möglich. Ich bin in den totalen Aktionismus verfallen und habe begonnen, irgendwo im Haus Dinge auszumisten und umzuräumen, eine Tätigkeit, die ich bisher für komplett überflüssig hielt. Ich denke, ich brauche gerade das Gefühl, dass "es" irgendwie weitergeht - ich habe fast schon Panik, in eine Schockstarre oder Lethargie zu verfallen. Neben den üblichen administrativen Dingen, die eben in so einem Todesfall getan werden müssen, habe ich auch Veronikas letzten Wunsch erfüllt, bzw. erfüllen lassen: Gestern hat unsere Freundin Elke die Johannisbeeren aus dem Garten zu Gelée verarbeitet - für solche Alltagshilfen bin ich gerade unglaublich dankbar, genauso wie unserer Freundin Barbara, die Sonja und mir am vergangenen Sonntag eine exzellente Lasagne gebracht hat und mir so die Kocherei erspart hat.

Heute habe ich (fast) alle Einladungen zur Trauermesse auf den Weg gebracht. Das Requiem - ja, so eines hat Veronika sich gewünscht - ist am 16.8.2023 in der Kirche St. Michael in Göttingen: Dort hatte unsere Tochter Sonja noch letztes Jahr Kommunion - und so fühlen wir uns der Gemeinde irgendwie verbunden, obwohl wir eigentlich keine besonders religiösen Menschen sind. Ich habe heute also über 80 Trauerkarten versendet - es war eine Menge Schreibarbeit, aber auch beruhigend zu sehen, dass wir an unserem aktuellen und an früheren Wohnorten doch eine Menge Freunde und uns wichtige Menschen haben. Das zu wissen, gibt mir gerade enorm viel Halt.

Kommentare

Am meisten gelesen

Tag null: Drei Anrufe

Tag 6: Brief an Veronika

Tag 1: Viele Anrufe und die Tränen meines Kindes