Tag 90: Hunde

Es ist - so habe ich erfahren - gar nicht so ungewöhnlich, dass sich Trauernde ein Haustier zulegen. Nein, natürlich ist ein Hund oder eine Katze niemals ein Ersatz für einen verlorenen Lieblingsmenschen. Aber Hunde haben durchaus so etwas wie einen therapeutischen Effekt: Zuallererst benötigen sie Zuwendung - geben diese aber auch zurück. Sie sind - im Gegensatz zu Menschen - treue Seelen und suchen sich, wenn Herrchen oder Frauchen nicht mehr ganz jung und knackig sind, nicht einfach was Frisches. Nicht umsonst spielen in verschiedenen Kontexten Therapiehunde eine wichtige Rolle, zum Beispiel in der Psychotherapie, Ergotherapie, aber auch bei der Lerntherapie mit Kindern. Diese Tiere interagieren auf vielfältige Weise mit den Patienten: Sie fordern zum Spiel auf, sie zeigen Empathie, sie begleiten im Alltag und vieles mehr. 

Bei uns ist es etwas einfacher: Ich merke, dass die Anwesenheit unserer Zwergschnauzerhündin Isa, die ja auch kein ausgebildeter Therapiehund ist, einen sehr positiven Effekt hat, in vielerlei Hinsicht: Isa hat sich einen Schlafplatz an meinem Fußende erobert und ich merke, dass ich durch ihre Anwesenheit besser und ruhiger schlafe, was mir gerade in diesen turbulenten Tagen eine Wohltat ist. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass die Nähe von Haustieren beim Menschen zu einer erhöhten Bildung des Botenstoffs Oxytocin führt, gemeinhin bekannt als Glücks- oder Kuschelhormon. Das passiert übrigens auch gleichzeitig beim Hund, so weiß es die Biologie. Hier also eins zu null fürs Co-Sleeping mit Hund, in Trauerphasen und wahrscheinlich auch darüber hinaus.

Es gibt noch einen weiteren therapeutischen Effekt von Hunden: Wenn ein Hund muss, dann muss der Mensch in der Regel auch, und zwar vor die Tür. Bei jedem Wetter, denn in Hundehalterkreisen gilt jede Witterung unterhalb von tischtennisballgroßen Hagelkörnern als gutes Wetter. Konkret: Ich muss dreimal am Tag Gassi gehen, so komme ich pro Tag auf mindestens zwei Stunden strammes Walking im Freien, gerne mal im Wald, auf den Feldern oder an einem See. 

Depressive, die sich in stationäre klinische Behandlung begeben, bekommen in der Klinik einen strammen Tagesplan, bei dem auch Sport und Bewegung ihren festen Platz haben. Wir Trauernden sind zwar nicht psychisch krank, aber auch für uns sind angeblich Tagesstruktur und körperliche Aktivität hilfreich. Insofern: Zwei zu null für unsere Hündin, diesmal für ihren Bewegungsdrang.


Ich möchte kurz erzählen, wie wir eigentlich auf den Hund gekommen sind: Es begann im Sommer 2021, wir waren im Urlaub in Naumburg. An ienem Morgen wollten wir das Hotel verlassen, ich sagte zu Sonja wiederholt und mit Nachdruck, sie solle sich die Zähne putzen und die Schuhe anziehen. Statt beides zu tun, äffte sie mich nach und schob dabei ihre Unterlippe weit nach vorne. Ich musste lachen - ich mag es, wenn ich imitiert werde - und sagte: "Du machst mich nach wie eine Bulldogge." Von da an hatte ich den Spitznamen Bulldogge und spielte mit Sonja oft Bulldogge oder einfach irgendwie Hund. Damit war die Initialzündung erfolgt. Nach einigen Monaten, es war irgendwann im Winter 2021/2022 entwickelte sich bei Sonja der Wunsch nach einem echten Hund statt einem billigen Aufguss in Form ihres Vaters im Vierfüßergang. Veronika und ich führten die üblichen Bedenken ins Feld, Zeitaufwand, Kosten, Organisatorisches, außerdem hätten wir ja weder Ahnung noch Erfahrung und dann die ganzen Haare überall. Und wer würde dreimal täglich Gaassi gehen?

Nach umfangreicher und nachhaltiger Diskussion ("Das geht auf gar keinen Fall, oder ganz vielleicht doch?") und einem weiteren halben Jahr fiel im August 2022 die Entscheidung zugunsten eines Zwergschnauzerwelpen aus einer Leipziger Zuchtstelle. Wir wälzten Fachliteratur über Hunderassen, Hundeerziehung, Hundefutter und Hundewasweißich, ich legte die erforderliche Sachkundeprüfung für Hundehalter ab, Sonja suchte Hundespielzeug aus, Veronika fand einen optimalen Platz fürs Körbchen. Am 26.10.2022 zog dann Isa bei uns ein. Das war Sonjas und mein großes Gemeinschaftsprojekt, denn Veronika befand sich - es ging terminlich nicht anders - zu diesem Zeitpunkt in ihrer lange Zeit zuvor beantragten Reha in Bad-Sooden. So versorgten Sonja und ich diese Handvoll Hund, die Isa damals war, gemeinsam und in enger und zumeist harmonischer Zusammenarbeit. Na ja, so ganz allein waren wir dabei doch nicht immer: Wir schafften es sogar ins deutsche Privatfernsehen. Isa, Sonja, teilweise auch Veronika sowie ich waren im Winter und Frühjahr 2023 in zwei Folgen der Doku-Soap "Die Welpen kommen" mit Martin Rütter auf RTL zu sehen. (Wir hatten uns aus einer spontanen Laune heraus für diese Sendung beworben, ohne zu wissen, worauf wir uns einlassen, aber dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.)  

In jedem Fall: Wir waren ab November 2022 zu viert, nachdem Veronika wieder aus ihrer Reha zurückgekehrt war, seit 10.7.2023 leben wir nur noch zu dritt in unserem Haus, aber es sind jetzt acht Beine. Sonja sagt mir fast jeden Tag, dass Isa ihr das Leben rettet, allein durch ihre Anwesenheit. Das glaube ich ihr aufs Wort, somit hier drei zu null für Isa. Und ich muss runter vom Sofa und raus in die Natur, was gerade sehr gut für Körper und Seele ist. Und das war mir sogar der kurze Abstecher ins deutsche Privatfernsehen wert.    

Das Foto zu diesem Beitrag ist vor einem Jahr entstanden. Es ist in dem Monatskalender, der jetzt über Veronikas Schreibtisch hängt. Beachtenswert finde ich das Zitat von Franz Kafka, das ich hier nochmal wiedergebe: "Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren." Die ganze Trauerthematik könnte nicht besser zusammengefasst werden.

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