Tag 316: Hochzeitstag

Heute wären wir 23 Jahre verheiratet. Zu Beginn von Veronikas Erkrankung waren wir nicht mehr sicher, ob wir noch Silberhochzeit feiern würden. Wir haben dieses "Ziel" um fast drei Jahre verfehlt. Noch hätte ich die Chance, in meinem Leben eine silberne Hochzeit zu feiern, das Thema Goldhochzeit oder mehr ist für mich mit hoher biologischer Wahrscheinlichkeit erledigt.

Unsere Hochzeit haben wir in kleinem Rahmen gefeiert, es war ein Montag, ich hatte am Abend noch ein Seminar an der Uni und Veronika musste vor der Hochzeitsnacht noch im Kino arbeiten. Wir liebten es unkonventionell, somit heiratete Veronika auch nicht in weiß, sondern in einem 70er Jahre Blumenkleid und farbliche dazu pasenden Schuhen mit bunten Steinchen, ich kam mit Strohhut (liebte ich damals schon) und Nadelstreifenanzug. Andere Paare in unserem Alter und aus dem Freundeskreis - und auch aus unser beider Familien - haben wesentlich mehr Aufwand betrieben. 


Es versteht sich von selbst, dass der bei der Hochzeit betriebene Aufwand nicht in Zusammenhang mit der Qualität der Beziehung steht, und doch durfte ich in unserem Umfeld eine gewisse "anekdotische" Referenz beobachten: Paare, die eher mehr aufwändigere Eheschließungen zelebrierten, blieben - so meine PERSÖNLICHE und möglicherweise zufällige Wahrnehmung - länger zusammen. 

In den vergangenen Wochen habe ich mich oft mit der Qualität und Psychodynamik von zwischenmenschlichen Beziehungen jedweder Art beschäftigt. Ich durfte quasi posthum die Antwort finden, warum wir mit vergleichsweise wenig Konflikten und erst recht ohne Trennung ein Vierteljahrhundert ein glückliches Paar waren, bis dass der Tod uns schied: Wir blieben beide auch Individuen und traten niemals als symbiotisches Schnuckelpärchen auf. Wir standen füreinander ein, aber gleichzeitig auch jede(r) für sich. Nach außen hin, wirkten wir - wie uns gute Freunde mal versicherten - unaufgeregt, friedlich, manchmal auch etwas unteraktiviert. Es gab bei uns kein Drama: Keine(r) von uns  erwartete vom anderen, glücklich gemacht zu werden, die Wünsche von den Lippen abgelesen zu bekommen. 

Nach allem, was ich über langfristige monogame Beziehungen in den letzten Monaten aus Büchern, Fachartikeln und Podcasts lernen durfte, ist es genau diese entspannte Herangehensweise, die eine am Anfang brennende Liebe auch über Jahrzehnte warm hält, auch wenn das anfängliche Feuer nicht mehr so stark brennt: Untersuchungen haben ergeben, dass die hohe Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, die typisch für die initiale Verliebtheitsphase ist, für den Organismus auch mit einer hohen Belastung einhergeht.    

Ich bin dankbar, dass wir in unseren 20er Jahren unsere Beziehung aus dem anfänglichen Sturm in ein ruhiges Fahrwasser überführen konnten. Es ist ein anderes Glück und eine andere Form der Lebenszufriedenheit, die eine langfristige Paarbeziehung mit sich bringt, aber diese Ruhe muss eben auch bisweilen auch ausgehalten werden. Ich finde, das ist uns gelungen. Länger als ein Vierzteljahhundert. Und über 22 Jahre davon mit Trauschein.  



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